Aus „Die Tugenden“ von Herbert Witzenmann

Dezember

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21. November bis 21. Dezember

Diese einsichtige Geduld beherrscht die Zunge

Denn wer vorschnell redet und urteilt, schädigt oder verhindert den Reifeprozess, der die Wahrheit der Welterscheinungen in seinem Urteil zeitigt und der sein eigenes Tun als reife Frucht aus seinem Umgang mit den Welterscheinungen hervorgehen lässt.  Wer spricht, ohne dieses Reifen abzuwarten, äußert nur subjektive Meinungen über eine Welt, die ihm in ihrem Wesen fremd bleibt. Solche Meinungsäußerungen mögen den Beifall ähnlich Gesinnter finden und ihrer Übereinstimmung mit den Usancen wegen äußeren Erfolg haben. Sie sind nicht die Wahrheit, die in Gelassenheit erduldet und ertätigt wird. Die Wahrheit ist vielmehr der Geist der Dinge, der in unserem Erkennen das Auge aufgeschlägt. Das vorschnelle Wort verscheucht ihn. Die Beherrschung der Zunge lässt den Geist, der in den Dingen stumm und blind verzaubert ist, schau- und sprachfähig werden. Die Beherrschung der eigenen Zunge löst die Zunge der Kreaturen, die nach solcher Entzauberung seufzen. Sie werden entzaubert, indem ihr Wesen in unserer Schweigsamkeit Organ wird, das sich selbst im Blick auf seinen verzauberten Zustand deutet. Dadurch überkreuzen und vertauschen sich Welt und Selbst im Unterschied zu dem Zustand unseres gewöhnlichen Bewusstseins, in welchem sie sich äußerlich und unverwandt gegenüberstehen. Das Wesen der Dinge wird im erkennenden Menschen zum Organ der Anschauung; der Mensch erlebt sich, sofern er erkennt, als ein über die Totalität der Welterscheinungen ausgebreitetes Wesen. In der Beherrschung der Zunge wird nicht die Trennung von Welt und selbst, sondern deren Überkreuzung und Wahrheit empfunden. Die Beherrschung der Zunge ist die Fruchtbarkeit der menschlichen Erkenntnis.

So wird diese Beherrschung zum Wahrheitsempfinden.

 

Eine Meditation solchen Wahrheitsempfindens ist:

 

Erkennt der Mensch sich selbst,

Wird ihm das Selbst zur Welt;

erkennt der Mensch die Welt,

wird in die Welt zum selbst.